Am 13. Januar waren wir zu Gast an der Universität Greifswald und hielten eine Vorlesung für Lehramtsstudierende über das Thema Förderschulen und Inklusion.
Noch am Morgen war nicht sicher, ob wir aufgrund der Wetterbedingungen anreisen können – umso schöner, dass wir sicher an- und zurückgekommen sind. So konnten wir über das Thema aufklären und zum Nachdenken anregen.
Im Mittelpunkt der Vorlesung stand eine Frage, die angehende Lehrkräfte früher oder später begleiten wird:
Braucht es Förderschulen – und wenn ja, für wen?
Einstieg: Thesen, Positionierung und Austausch
Wir starteten mit verschiedenen Thesen, unter anderem:
Förderschulen bieten Kindern mit Behinderungen mehr Schutz.
Ich würde mein Kind mit Behinderung lieber auf einer Förderschule als eine Regelschule schicken.
Die Studierenden wurden gebeten, sich durch Handzeichen zu positionieren: Zustimmung, Ablehnung oder Enthaltung. Anschließend sprachen sie mit ihren Sitznachbar*innen darüber, welche These sie besonders zum Nachdenken gebracht hat.
Im Plenum zeigte sich: Die Frage, ob man das eigene Kind auf eine Regel- oder Förderschule schicken würde, war für viele unklar.
Rechtlicher Rahmen: UN-Behindertenrechtskonvention
Ein theoretischer Input zur UN-Behindertenrechtskonvention verdeutlichte den völkerrechtlichen Anspruch:
Artikel 24 sichert das Recht auf inklusive Bildung, gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft und den Zugang zu verschiedenen Schulformen – nicht ausschließlich zu Förderschulen.
Die zentrale Frage lautete anschließend:
Wie gut wird dieses Recht aktuell im Schulalltag umgesetzt?
Erfahrungsberichte von unseren Bildungskräften
Besonders eindrücklich waren die persönlichen Berichte unserer Bildungsfachkräfte:
Julia schilderte ihre Zeit an einer Förderschule, an der Lehrkräfte weder Gebärdensprache beherrschten noch bereit waren, sich weiterzubilden. Erst ein Wechsel an die Werkstattschule Rostock brachte Förderung, Wertschätzung und Entwicklungsmöglichkeiten. Dahinter steckte ein großes familiäres Engagement – eine Ressource, die nicht allen zur Verfügung steht und nicht ausschlaggebend dafür sein sollte, ob man die passende Schule besuchen kann oder nicht.
Johannes besuchte eine Schule für Körperbehinderte. Er berichtete von fehlender Aufklärung über Alternativen und einer Berufsberatung, die ihm vor allem aufzeigte, was er nicht könne. Erst durch eigene Wege fand er einen passenden Arbeitsplatz – heute arbeitet er im Projekt ZEVI.
Franzi war zehn Jahre auf einer Förderschule in Berlin. Obwohl sie wechseln wollte, wurde ihr das nicht zugetraut. Sie machte dort ihren Hauptschulabschluss, sammelte Praktikumserfahrungen auf dem ersten Arbeitsmarkt und wurde schließlich Fachkraft im Gastgewerbe.
Diese Perspektiven zeigten: Schulentscheidungen wirken weit über die Schulzeit hinaus!
Perspektivwechsel & Diskussion
In einem angeleiteten Gedankenexperiment versetzten sich die Studierenden in ein Kind, das langsamer lernt, häufig negative Rückmeldungen erhält und dessen Bildungsweg ohne eigene Mitsprache entschieden wird.
Anschließend diskutierten wir: Wie fühlt sich dieses Kind? Was hätte es ermöglicht, dass es auf der Schule so sein kann, wie es ist?
In der darauffolgenden Diskussion sprachen sich viele grundsätzlich für Inklusion aus – betonten aber, dass sie nur dann gelingen kann, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Genannt wurden unter anderem:
- kleinere Klassen
- ausreichend Fachpersonal
- Zeit für individuelle Förderung
- geeignete Räume
- eine inklusive Haltung im gesamten System
Franzi brachte es treffend auf den Punkt:
Viele Förderschulen liegen am Rand der Städte – sinnbildlich dafür, wie Menschen mit Behinderungen oft an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.
Unser Fazit
Wir möchten Förderschulen nicht verteufeln.
Aber wir möchten zum Nachdenken anregen:
über Strukturen, über fehlende Ressourcen – und darüber, was Schule leisten muss, damit Inklusion nicht Ausnahme, sondern Normalität wird.
Gerade angehende Lehrkräfte spielen dabei eine entscheidende Rolle.
💛 Wir danken allen Studierenden für die Offenheit, die Diskussionen und die Bereitschaft, sich mit komplexen Fragen auseinanderzusetzen.
Inklusion beginnt im Denken – und wächst durch Haltung und Handlung.

