Am 2. Juni 2026 waren wir zu Gast an der Universität Rostock, um eine Vorlesung zu halten.

Mit uns gab es kein klassisches Frontalformat, sondern 90 Minuten Selbsterfahrung, persönliche Geschichten, Austausch – und Expert*innen, die nicht über, sondern als Betroffene sprechen.

Einstieg: Selbsterfahrung vom ersten Moment an

Mila eröffnete die Veranstaltung – und startete direkt mit einer Frage an den Raum: Wer von euch hatte das Gefühl, dass an der eigenen Schule gut und offen mit dem Thema Lernschwierigkeiten umgegangen wurde? Kaum Hände gingen hoch. Ein ernüchterndes, aber ehrliches Bild.

Parallel dazu setzten freiwillige Studierende Hyperakusis-Kopfhörer auf – und erlebten körperlich, was es bedeutet, wenn Konzentration zur Herausforderung wird.

Was sind Lernschwierigkeiten – und was nicht?

Julia gab einen kurzen theoretischen Überblick: Lernschwierigkeiten – darunter Legasthenie, Dyskalkulie, ADHS und Konzentrationsprobleme – haben absolut nichts mit mangelnder Intelligenz oder Faulheit zu tun. Es geht primär darum, wie das Gehirn Informationen verarbeitet. Die Ursachen sind vielschichtig und können neurologischer oder psychischer Natur sein, aber auch durch Umwelt- und Stressfaktoren verstärkt werden.

Ihr Fazit: „Theorie ist das eine – der Alltag das andere. Wie fühlt sich das eigentlich für die Betroffenen an? Um euch das zu zeigen, wollen wir heute ganz offen unsere eigenen Erfahrungen mit euch teilen.“

Eigene Erfahrungen – persönlich, direkt, ungeschönt

Julia, Johannes, Mila und Franzi erzählten aus ihrem eigenen Leben. Mila schilderte ihre Schulzeit: unübersichtliche Arbeitsblätter, das ständige Gefühl, zu langsam zu sein, Sätze wie „Das ist doch nicht schwer“ oder „Die anderen schaffen das doch auch“ – die sich einbrennen. Und den Wendepunkt: der Förderunterricht, in dem ihr der Stoff plötzlich ganz anders erklärt wurde. „Es lag nie an meinem Können oder meiner Intelligenz, sondern rein am Zugang zum Lernen.“

Gedankenexperiment und Auswertung

Franzi lud die Studierenden ein, sich in eine konkrete Situation hineinzuversetzen – Augen schließen, nur auf die Stimme hören. Danach tauschten sich die Studierenden im Tandem aus: Wie fühlt sich die Person in dieser Situation? Was hätte sie gebraucht, um weitermachen zu können?

Die anschließende Plenumsdiskussion war lebendig und tiefgründig.

Nachteilsausgleich – Fairness, nicht Bevorzugung

Mila klärte auf, was Nachteilsausgleich wirklich bedeutet – und was er nicht ist. Kein Extra-Aufwand, keine Bevorzugung, keine Arbeitserleichterung. Es geht darum, Barrieren abzubauen, damit alle unter fairen Bedingungen ihre tatsächliche Leistung zeigen können. Denn wie Mila es formulierte: „Gleichbehandlung von Ungleichem führt am Ende nur zu Ungerechtigkeit.“

Konkrete Maßnahmen umfassen organisatorische Anpassungen bei Prüfungen wie Zeitzugabe und veränderte Raumordnung, didaktische Anpassungen wie klare Struktur und serifenfreie Schriften, technische Hilfsmittel wie Text-to-Speech-Software, sowie außerschulische Unterstützung durch Lerntherapie oder Verhaltenstherapie – wenn die schulischen Anpassungen allein nicht ausreichen.

Abschluss

Johannes schloss die Veranstaltung mit einem Satz, der bleibt: „Lernschwierigkeiten sagen absolut nichts über die Intelligenz eines Menschen aus. Sie zeigen uns lediglich, dass es unsere Aufgabe ist, die passenden Wege dorthin zu bauen.“

Der geplante Input zu Nachteilsausgleich wurde fast weggekürzt – nicht weil die Zeit fehlte, sondern weil die Gespräche zwischen den Studierenden und den Bildungsfachkräften einfach so lebendig waren. 💚

Vielen Dank für die Einladung und Teilnahme.

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