Inklusion in der Schule wird seit Jahren kontrovers diskutiert. Oft entsteht dabei der Eindruck, viele Eltern würden Förderschulen bevorzugen. Eine neue bundesweite Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte zeichnet jedoch ein anderes Bild.
Für die Untersuchung „Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ wurden rund 7.500 Eltern von Kindern mit Behinderungen aus ganz Deutschland befragt. Das Ergebnis ist eindeutig: Die meisten Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder gemeinsam mit anderen Kindern eine allgemeine Schule besuchen können – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Viele Eltern entscheiden sich nicht freiwillig für Förderschulen
Nach der Studie lehnen 82 Prozent der Eltern schulpflichtiger Kinder mit Behinderungen eine dauerhafte Trennung in Förderschulen ab.
Besonders deutlich ist ein weiteres Ergebnis:
69 Prozent der Eltern, deren Kinder aktuell eine Förderschule besuchen, würden sich lieber für eine Regelschule entscheiden, wenn dort ausreichend Unterstützung vorhanden wäre.
Die Entscheidung für eine Förderschule ist also häufig keine echte Wahl, sondern eine Folge fehlender Möglichkeiten.
Deutschland trennt noch immer viele Kinder
Deutschland gehört weiterhin zu den europäischen Ländern mit einer hohen Exklusionsquote.
Etwa 60 Prozent aller Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf besuchen eine Förderschule. Gleichzeitig zeigen sich große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Während inklusive Bildung in manchen Regionen deutlich weiter entwickelt ist, setzen andere weiterhin stark auf getrennte Schulsysteme.
Gute Inklusion braucht gute Bedingungen
Die Studie macht deutlich, dass inklusive Bildung nicht am fehlenden Willen der Eltern scheitert.
Vielmehr fehlen häufig:
- kleinere Klassen
- ausreichend Fachpersonal
- multiprofessionelle Teams
- barrierefreie Schulgebäude
- individuelle Förderung
- genügend Zeit für gemeinsames Lernen
Erst wenn diese Voraussetzungen geschaffen werden, entsteht tatsächlich eine Wahlfreiheit für Familien.
Beratung beeinflusst Entscheidungen
Ein weiterer wichtiger Befund betrifft die Beratung der Eltern.
Viele Familien erhalten überwiegend Empfehlungen für den Besuch einer Förderschule. Möglichkeiten inklusiver Beschulung werden deutlich seltener vorgestellt.
Dadurch entstehen Entscheidungen häufig unter ungleichen Voraussetzungen.
Inklusion wirkt weit über die Schulzeit hinaus
Die Wahl der Schulform beeinflusst oft den weiteren Lebensweg.
Nach Angaben der Studie verlassen rund 73 Prozent der Schülerinnen und Schüler Förderschulen ohne Schulabschluss. Anschließend führen ihre Bildungswege häufig in gesonderte Ausbildungsangebote oder Werkstätten für Menschen mit Behinderungen.
Gleichzeitig zeigen zahlreiche Studien, dass Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf an gut ausgestatteten inklusiven Schulen fachlich und sozial profitieren können.
Ein Blick ins Ausland
Andere Länder zeigen bereits seit vielen Jahren, dass inklusive Bildung funktionieren kann.
In Ländern wie Italien oder in Teilen Skandinaviens lernen Kinder mit und ohne Behinderung selbstverständlich gemeinsam. Dort wird Inklusion als Aufgabe des gesamten Bildungssystems verstanden – nicht als Ausnahme.
Unsere Sicht
Auch wir erleben in unserer täglichen Bildungsarbeit immer wieder, wie wichtig Begegnungen auf Augenhöhe sind.
Wenn Menschen gemeinsam lernen, miteinander sprechen und unterschiedliche Lebensrealitäten kennenlernen, entstehen Verständnis, Respekt und Teilhabe.
Deshalb wünschen wir uns Schulen, die Vielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Selbstverständlichkeit verstehen.
Die im Beitrag genannten Zahlen stammen aus der aktuellen Studie „Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ des Deutschen Instituts für Menschenrechte. Für die Untersuchung wurden bundesweit rund 7.500 Eltern von Kindern mit Behinderungen zu ihren Erfahrungen mit dem deutschen Schulsystem befragt. Die Studie liefert spannende Einblicke in die Wünsche von Familien, bestehende Hürden und mögliche Lösungsansätze für eine inklusive Schule.
📄 Die vollständige Studie findet ihr hier:
Studie „Inklusive Bildung zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ (Deutsches Institut für Menschenrechte)
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