Inspiriert von @raulkrauthausen haben wir unsere Bildungsfachkraft Mila gefragt: Was würdest du deinem jüngeren Ich sagen?

Das ist ihre Antwort.


„Wenn ich heute an meine Teenager-Zeit zurückblicke, sehe ich vor allem dieses ständige Bedürfnis, unsichtbar zu sein. Ich erinnere mich an das flaue Gefühl im Magen, wenn Pläne wegen mir geändert werden mussten oder wenn ich das Gefühl hatte, alle Augen warten nur darauf, dass ich „fertig“ bin. Ich dachte damals, dieses Gefühl der Scham gehört zu mir wie mein Schatten.

Heute weiß ich: Das war nicht mein Schatten, das war der Druck einer Welt, die nicht auf mich eingestellt war.

Es hat Zeit gebraucht zu verstehen, dass ich keine Fehlplanung bin. Meine Bedürfnisse sind kein „Extra-Aufwand“, den man gnädigerweise in Kauf nimmt, sondern schlichtweg ein Teil meines Lebens. Ich lerne immer noch, dass es okay ist, wenn sich meine Behinderung an manchen Tagen wie eine Identität anfühlt und an anderen einfach nur wie eine riesige Last. Ich muss nicht jeden Tag die „starke Inspiration“ sein.

Ich würde meinem jüngeren Ich gerne sagen: Atme durch. Du bist nicht das Problem in der Gleichung. Die Schuldgefühle, die du mit dir herumträgst, sind geliehen – du kannst sie jetzt zurückgeben. Sei geduldig mit dir, such dir deine Leute und fang an, den Platz einzunehmen, der dir zusteht. Ohne Entschuldigung.“

– Mila, Bildungsfachkraft am Zentrum für Vielfalt und Inklusion Neubrandenburg


Was Milas Worte uns sagen

Milas Brief ist persönlich. Aber er trifft etwas Universelles.

Scham, die sich anfühlt wie die eigene – und doch von außen kommt. Das Gefühl, zu viel zu sein. Zu langsam. Zu kompliziert. Zu anders. Diese Erfahrungen machen viele Menschen mit Behinderungen. Nicht weil sie tatsächlich zu viel sind, sondern weil eine Welt, die nicht auf sie eingestellt ist, ihnen das immer wieder spiegelt. In kleinen Momenten. In Blicken. In Seufzern. In Plänen, die geändert werden müssen.

Was Mila beschreibt, ist kein persönliches Versagen – es ist das Ergebnis einer Gesellschaft, die Inklusion noch immer als Ausnahme behandelt und nicht als Selbstverständlichkeit. Wenn Barrierefreiheit fehlt, entstehen Schuldgefühle dort, wo keine sein sollten. Wenn Unterstützungsbedarf als Aufwand gilt, entsteht Scham dort, wo Würde sein sollte.

Und genau deshalb ist Milas letzter Satz so wichtig: „Fang an, den Platz einzunehmen, der dir zusteht. Ohne Entschuldigung.“

Denn dieser Platz war immer da. Er musste nur endlich freigeräumt werden. Das ist die Arbeit, die wir jeden Tag tun – wir Bildungsfachkräfte, die nicht nur über Inklusion sprechen, sondern sie leben. 💚

Dieser Beitrag ist inspiriert von einem Format von Raul Krauthausen – einem der bekanntesten Inklusionsaktivisten im deutschsprachigen Raum. Danke für die Inspiration dafür. 💛

 

Und natürlich herzlichen Dank an Dich, liebe Mina, dass Du diese persönlichen und rührenden Gedanken mit uns teilst.