Menschen sind nicht eindimensional. Niemand ist ausschließlich Mensch mit Behinderung, ausschließlich queer, ausschließlich Frau, Student*in, arm, alt oder jung. Wir alle bewegen uns gleichzeitig in unterschiedlichen sozialen Zusammenhängen und bringen verschiedene Erfahrungen, Zugehörigkeiten und Identitäten mit.
Genau hier setzt das Konzept der Intersektionalität an.
In unserem letzten Beitrag haben wir erklärt, was Intersektionalität bedeutet. Dieses Mal wollen wir genauer hinschauen: Was bedeutet es eigentlich, wenn sich verschiedene Lebensrealitäten und mögliche Diskriminierungserfahrungen im Alltag überschneiden?
Ein Beispiel: queer und behindert
Stellen wir uns eine queere Person mit Behinderung vor:
Sie kann aufgrund ihrer Behinderung mit unterschiedlichen Barrieren konfrontiert sein – etwa einem nicht barrierefreien Veranstaltungsort, fehlenden Rückzugsmöglichkeiten, unzugänglichen Informationen oder Vorurteilen gegenüber Menschen mit Behinderung.
Gleichzeitig kann sie aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität Diskriminierung erfahren.
Diese beiden Lebensrealitäten existieren aber nicht einfach nebeneinander.
Sie können sich überschneiden und gegenseitig beeinflussen.
Eine queere Veranstaltung kann beispielsweise ein sicherer und wertvoller Ort für LGBTQIA+-Personen sein – und gleichzeitig für eine Person im Rollstuhl schwer zugänglich sein.
Eine Einrichtung für Menschen mit Behinderung kann wiederum sehr gut auf unterschiedliche Unterstützungsbedarfe eingehen, aber sexuelle und geschlechtliche Vielfalt kaum berücksichtigen, vielleicht sogar nichtmal respektieren.
In beiden Fällen entsteht eine Situation, in der eine Person möglicherweise das Gefühl bekommt:
„Ein Teil von mir wird hier mitgedacht – ein anderer nicht.“
Intersektionalität bedeutet nicht „doppelt diskriminiert“
Dabei ist ein wichtiger Punkt: Intersektionalität bedeutet nicht, dass Diskriminierung einfach addiert werden kann.
Eine Person mit Behinderung macht nicht automatisch dieselben Erfahrungen wie eine andere Person mit Behinderung. Eine queere Person macht nicht automatisch dieselben Erfahrungen wie eine andere queere Person.
Auch ein Mensch, der mehreren marginalisierten Gruppen angehört, erlebt nicht zwangsläufig mehr Diskriminierung.
Intersektionalität ist deshalb kein Etikett für Menschen. Sie ist eine Perspektive, mit der wir gesellschaftliche Strukturen betrachten können.
Sie hilft uns zu fragen:
- Welche Normen gelten in einem bestimmten Umfeld?
- Wer wird dabei selbstverständlich mitgedacht?
- Wer muss sich erst erklären oder anpassen?
- Welche Barrieren entstehen?
- Und welche Erfahrungen werden möglicherweise übersehen?
Warum eine einzelne Lösung nicht immer reicht
Das wird besonders deutlich, wenn wir über Inklusion sprechen.
Ein Gebäude kann beispielsweise baulich barrierefrei sein. Das ist wichtig – aber damit ist noch nicht automatisch sichergestellt, dass sich alle Menschen dort willkommen und sicher fühlen.
Vielleicht sind die Informationen nicht verständlich.
Vielleicht gibt es keine Möglichkeit für Menschen mit einer Reizempfindlichkeit, sich zurückzuziehen.
Vielleicht wird in Formularen nur zwischen „Mann“ und „Frau“ unterschieden.
Vielleicht wird bei Veranstaltungen selbstverständlich davon ausgegangen, dass alle Teilnehmenden heterosexuell sind.
Vielleicht ist der Eintritt für Menschen mit wenig Geld zu teuer.
Eine Barrierefreiheit für alle gibt es nicht als einzelne Checkliste.
Was für eine Person eine wichtige Unterstützung ist, kann für eine andere völlig irrelevant sein. Und manchmal braucht es mehrere Lösungen gleichzeitig.
„Für wen ist unser Angebot eigentlich zugänglich?“
Eine intersektionale Perspektive verändert deshalb auch die Fragen, die wir stellen.
Nicht nur:
„Ist unser Angebot inklusiv?“
Sondern:
„Für wen ist unser Angebot inklusiv – und wen haben wir möglicherweise noch nicht mitgedacht?“
Das kann bei der Planung eines Arbeitsplatzes beginnen, bei der Gestaltung eines Spielplatzes, bei einer Veranstaltung, im Unterricht oder bei der Gestaltung öffentlicher Räume.
Und genau deshalb ist Beteiligung so wichtig.
Menschen wissen selbst am besten, welche Barrieren sie erleben und welche Veränderungen ihnen helfen würden.
Inklusion braucht unterschiedliche Perspektiven
Eine inklusive Gesellschaft entsteht nicht dadurch, dass wir für alle Menschen dieselbe Lösung anbieten.
Sie entsteht, wenn wir unterschiedliche Bedürfnisse und Lebensrealitäten ernst nehmen.
Dafür müssen wir bereit sein, zuzuhören – auch dann, wenn wir selbst eine bestimmte Barriere bisher nicht wahrgenommen haben.
Und wir müssen akzeptieren, dass eine Person gleichzeitig verschiedene Perspektiven mitbringt.
Ein Mensch kann beispielsweise gleichzeitig
behindert, queer, Frau, Student*in und arm sein.
Keine dieser Eigenschaften beschreibt den Menschen vollständig. Aber jede davon kann beeinflussen, welche Möglichkeiten, Barrieren oder Diskriminierungserfahrungen eine Person in einer bestimmten Situation erlebt.
Das Ziel ist deshalb nicht, Menschen in möglichst viele Kategorien einzuteilen.
Das Ziel ist, Strukturen so zu gestalten, dass Menschen nicht erst ihre verschiedenen Identitäten und Bedürfnisse erklären müssen, um berücksichtigt zu werden.
Inklusion bedeutet:
Nicht Menschen müssen in unsere Strukturen passen.
Unsere Strukturen müssen so gestaltet sein, dass unterschiedliche Menschen darin Platz haben.
💚 Denn Vielfalt bedeutet nicht nur, dass wir verschieden sind. Vielfalt bedeutet auch, dass wir diese Verschiedenheit mitdenken – und Teilhabe für alle ermöglichen.

